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Finden sie die englische original version hier.

Der Mannschaftskapitän von Portland Storm, Eric „Zee“ Zellinger, weiß für gewöhnlich, was zu tun ist. Aber sein einstiges Elite-Team zum Sieg zu führen, wird schnell ein aussichtslos erscheinender Kampf. Er darf seine Konzentration jetzt nicht verlieren – nicht wenn seine Karriere auf dem Spiel steht. Doch als die kleine Schwester seines besten Freundes eine Bitte an ihn heranträgt, die er ihr nicht abschlagen kann, besteht die Gefahr, dass Eric den Antrieb verliert, den sein Team von ihm als Captain braucht.

Seit einem einschneidenden Erlebnis in ihrer College-Zeit befindet sich Dana Campbells Leben in einer Abwärtsspirale. Sie versucht verzweifelt, dem Horror dieser schicksalsträchtigen Nacht zu entkommen, und ist bereit, alles dafür zu tun. Selbst wenn das bedeutet, den einzigen Mann, dem sie vertraut, um Hilfe zu bitten.

Egal, wie unwiderstehlich sie ist oder wie sehr ihn ihre Bitte in Versuchung führt, kann Eric diese Grenze möglicherweise nicht überschreiten – vor allem nicht, solange sein Team darum kämpft, die Play-offs zu erreichen. Nun muss Eric eine letzte Entscheidung treffen. Doch wird er Dana die Chance geben, aus ihrer Abwärtsspirale auszubrechen und ein glückliches Leben zu führen, oder wird er sich bemühen, seine Karriere weiter voranzutreiben?

DANA

Das italienische Restaurant Amani’s Family Style war beinahe leer. Nicht überraschend, wenn man bedachte, dass es drei Uhr an einem Donnerstagnachmittag mitten im Februar war. Niemand käme auf die Idee, sich am Valentinstag hier zu verabreden – es war eher ein Ort, wo man Familientreffen abhielt. Aber heute war nicht Valentinstag. Der war erst morgen. Und wir hatten kein Date. Weit gefehlt!

Die einzigen Leute im Restaurant außer uns und dem Personal waren ein Rentnerehepaar, das am Fenster saß. Er steckte seine Nase in eine Zeitung, sie strickte einen unglaublich hässlichen orangefarbenen Schal. Beide beachteten die halbvolle Schüssel mit Spaghetti und Tomatensoße nicht, die zwischen ihnen stand, ganz zu schweigen von ihrem Gegenüber.

Ich schaute zur Tür, merkte mir alle Tische und Stühle, die mich von ihr trennten, und legte mir so einen Fluchtweg zurecht.

Sobald die Bedienung unsere Getränke gebracht hatte und wieder verschwunden war, schaute Eric zu mir herüber. Er zog eine Augenbraue hoch und schenkte mir dieses schwache Lächeln, das immer so schnell auf seinem Gesicht erschien und das ich so gut kannte. „Also, was ist los, Dana? Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich so schnell wiedersehen würde. Zumindest nicht vor dem Sommer.“ Er ließ unausgesprochen, was wir beide dachten: nicht hier in Portland statt in Providence.

Er nahm einen tiefen Zug aus seinem Wasserglas und ich versuchte, meine Aufmerksamkeit auf alles zu richten, was mir vertraut war: das locker fallende, langärmlige marineblaue T-Shirt, das die Muskeln darunter nicht ganz verbergen konnte; das Kinn mit den Bartstoppeln, die verrieten, dass er sich einen Tag oder zwei nicht rasiert hatte; das dunkle, fast schwarze Haar, das eigentlich schon vor über einem Monat hätte geschnitten werden müssen; die neue Narbe mit dem dazugehörigen blauen Fleck direkt unter dem linken Auge, die er sich im Spiel gegen Chicago letzte Woche durch den Angriff eines Gegners mit hohem Stock zugezogen hatte; die Art, wie er seine linke Hand hielt, so als wäre er jederzeit bereit, einem Mitglied des anderen Teams einen Kinnhaken zu versetzen.

Auf solche Dinge zu achten, half mir, ruhiger zu werden, meinen Puls zu senken und mir wieder bewusst zu machen, dass ich Eric Zellinger vor mir hatte, den Mann, der der beste Freund meines Bruders war, seit sie als Kinder zu Hause in Rhode Island Eishockey gespielt hatten. Solange ich denken konnte, war er Teil meines Lebens gewesen.

Eric gab mir Sicherheit. Ich konnte mich auf ihn verlassen. Er war der einzige Mann in meinem Leben, dem ich, abgesehen von Familienmitgliedern, bedingungsloses Vertrauen schenken konnte. Darum hatte ich ihn ausgewählt.

„Weiß Soupy, dass du hier bist?“ Er setzte sein Glas ab, entfaltete die Leinenserviette, in die das Besteck eingeschlagen war, und arrangierte alles sorgfältig auf dem Tisch.

Soupy, das war ebenfalls etwas, das ich kannte. Seit Ewigkeiten hatte er meinen Bruder Brenden so genannt. Zumindest kam es mir so vor. Es gibt in Hockeykreisen ein ungeschriebenes Gesetz, dass deine Mannschaftskameraden dich unweigerlich Soupy nennen, wenn dein Nachname Campbell lautet. Mädchen waren von diesen verrückten Spitznamen-Hockeyregeln nicht ausgenommen. Ich war von einigen Mädchenmannschaften, für die ich gespielt hatte, auch so genannt worden, damals, bevor das alles passierte.

Obwohl ich versuchte, mich auf das zu konzentrieren, was vertraut, angenehm und sicher war, erwies es sich als schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Meine Zunge fühlte sich an, als wäre sie dreimal so groß wie sonst, und egal wie oft ich schluckte, ich konnte es offenbar nicht verhindern, dass mein Mund sich immer wieder schnell mit Speichel füllte. Ich griff nach meinem Wasserglas, um Zeit zu gewinnen und all meinen Mut zusammenzunehmen, doch meine Hand zitterte wie ein Erdbeben der Stufe 6 und ich stieß mein Glas um.

Eric sprang auf, bevor ich reagieren konnte. Er stellte das Glas wieder hin und wischte mit seiner Serviette die Überschwemmung auf, die ich verursacht hatte.

„Verdammt! Tut mir leid.“ Das war alles, was ich herausbringen konnte. Ich spürte, wie mir diese Hitze ins Gesicht stieg, die ich nur allzu gut kannte. Es war kein Erröten – nichts so Einfaches und Verständliches wie das –, sondern der Beginn einer Panikattacke. Ich atmete schnell und flach. Ich konnte nicht genug Luft in meine Lungen pressen. Ich musste hier raus. Ich musste weg. Ich konnte nicht –

„Dana?“

Erics Hand legte sich auf meine. Nicht gewaltsam. Aber fest. Ich fühlte mich sicher.

Geborgen.

Ich versuchte, mich auf ihn zu konzentrieren, doch vor meinen Augen verschwamm alles. Ich konnte nicht erkennen, dass er es war, aber er war es. Ich wusste es.

„Sprich nur eine Minute weiter“, stieß ich mühsam hervor.

„Okay. Das kann ich tun.“ Er ließ meine Hand nicht los, als er sich wieder mir gegenübersetzte. „Du hättest Burnzie heute Morgen beim Training sehen sollen. Er setzte sich mit einem schnellen Konter gegen Ericsson durch, täuschte zweimal an und machte schließlich kurz vor dem Torraum diesen irren Spin-o-rama-Move. Versuchte, zwischen seinen Beinen hindurch ein Five-Hole-Tor zu schießen. Es wäre brillant gewesen, wenn er getroffen hätte. Stattdessen prallte der Puck von seinem Schlittschuh ab und er fiel über seine eigenen Füße. Krachte mit dem Gesicht in die Bande. Zweifacher Nasenbruch. Er muss jetzt ein paar Wochen lang ein Helmgitter tragen. Jemand sollte ihn daran erinnern, dass er ein Abwehrspieler ist und kein Flügelstürmer.“

Meine Atmung begann sich zu normalisieren, aber mir war immer noch wahnsinnig heiß, so sehr, dass ich schwitzte. Doch wenigstens spürte ich, dass es vorbeiging. „Müsstest du das nicht machen? Du bist der Captain.“

„Nee. Das überlasse ich dem Trainer. Scotty versucht immer noch, die Jungs zu beeindrucken. Bisher lassen sich nicht alle auf seine Trainingsmethoden ein. Und wir haben schon mehr als die Hälfte der Saison hinter uns.“

Er wollte nie zeigen, wenn er frustriert war, aber ich merkte es immer. Wenn nicht alles gut lief, entstand eine leichte Falte zwischen seinen Augenbrauen und das genügte, um mir seine gut getarnte Anspannung zu verraten. Auch jetzt konnte ich sie sehen.

Die Kellnerin kehrte mit einem Brotkörbchen zurück. Sie stellte es mitten auf den Tisch und machte geräuschvoll eine Blase mit ihrem Kaugummi.

„Können wir eine neue Serviette und noch etwas Wasser bekommen? Hier ist ein kleiner Unfall passiert.“ Eric schaute sie noch nicht einmal an, während er sprach. Er ließ mich nicht aus den Augen und seine Hand lag weiter auf meiner.

Ich wartete allerdings auch nicht ungeduldig darauf, meine Hand zurückziehen zu können. Als mir das plötzlich bewusst wurde, wunderte ich mich. Aber es bestärkte mich in meinem Glauben, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, und deshalb musste ich dabei bleiben.

Nachdem die Bedienung gegangen war, fragte er: „Ist es schon besser?“

Ich nickte. „So langsam geht es wieder.“

„Geht es schon so gut, dass du mir erzählen kannst, warum du von einem Ende des Landes zum anderen geflogen bist, ohne mir zu sagen, dass du kommst? Von Providence nach Portland ist kein kleiner Wochenendausflug und Last-minute-Flüge sind nicht gerade billig.“

„Ich ...“ Ich zog meine Hand weg und knibbelte an meinen Nägeln. Ich musste etwas tun, während ich versuchte, es ihm zu sagen. Es ihm zu erklären. Ich konnte nicht einfach nur still dasitzen. „Ich möchte dich etwas fragen, doch du musst mich ausreden lassen, ohne mich zu unterbrechen, sonst schaff ich das nicht.“

Die Kellnerin erschien wieder an unserem Tisch, räusperte sich, füllte mein Wasserglas nach und reichte Eric einen Stapel Servietten. „Möchten Sie jetzt bestellen?“ Sie warf einen vielsagenden Blick auf die beiden Speisekarten am Rande des Tisches, die wir noch nicht angerührt hatten. Sie war nicht lange weg gewesen, andererseits hatte sie auch nicht wirklich viel zu tun, außer uns zu bedienen.

„Kommen Sie in fünfzehn Minuten wieder.“

Es war kein Wunder, dass Portland Storm ihn schon während seiner zweiten vollen Saison in der National Hockey League zum Captain gemacht hatte. Allein der Klang seiner Stimme genügte, um anderen Respekt und Vertrauen einzuflößen. Er konnte Leute dazu bringen, ihm aufmerksam zuzuhören, und irgendwie hatte diese Fähigkeit in den fünf Jahren seit seiner Ernennung noch zugenommen.

Die Kellnerin rollte mit den Augen und machte ein mürrisches Gesicht, aber sie ging.

„Klingt ernst“, sagte er. „Spuck’s aus.“

Als ich dieses Mal nach meinem Glas griff, gelang es mir, es zu nehmen und daran zu nippen, ohne eine erneute Schweinerei zu veranstalten, obwohl meine Hände noch zitterten.

Ich setzte es wieder ab und atmete ein paar Mal tief durch.

„Ich meinte, du sollst deine Geheimnisse ausspucken, nicht das Wasser.“

Automatisch lachte ich. Er hatte mich immer zum Lachen bringen können.

„Also gut.“ In Gedanken hatte ich meine Rede auf jeder Etappe meiner Reise geübt. Ich hatte mir genau überlegt, was ich sagen wollte, Wort für Wort, und alles in einer logischen und vernünftigen Reihenfolge. Ich musste nur noch dafür sorgen, dass es auch so herauskam, wie ich es geplant hatte. Das dürfte doch nicht allzu schwer sein, oder? Trotzdem konnte ich ihn nicht ansehen. Nicht dabei. Ich schaute auf meine Hände hinunter und beobachtete geistesabwesend, wie ich den Nagel meines rechten Zeigefingers bis zum Nagelbett abknibbelte, ohne den Schmerz wahrzunehmen, den ich mir auf diese Weise zufügte.

Aber ich musste es sagen. Ich musste einfach. Doch sobald ich meinen Mund öffnete, kam – wie könnte es auch anders sein? – nur Gebrabbel heraus.

„Meine psychologische Beraterin sagte, sie könnte mir nicht mehr richtig helfen, weil ich es nach all den Jahren noch immer nicht ertragen kann, wenn mich ein Mann auf eine bestimmte Art ansieht oder mich anspricht oder mit mir flirtet, ohne eine verdammte Panikattacke zu bekommen. Und du weißt ja, dass meine Medikamente gegen die Angst nicht besonders viel helfen. Deshalb schickte sie mich zu einer Sexualtherapeutin. Was alles gut und schön ist, außer dass die Sexualtherapeutin sagt, ich muss tatsächlich üben, es zuzulassen, dass Männer mit mir flirten und meine Hand halten und … und noch mehr … und daher will sie, dass ich mir einen Surrogat-Partner nehme. Ich weiß nicht, ob du je von Surrogat-Partnern gehört hast, aber ich habe nachgeschlagen, und sie sind ein Mittelding zwischen Prostituierten und Beratern und kosten ein Vermögen, was ich mir nicht leisten kann, selbst wenn die Krankenversicherung dafür aufkommen würde, was sie nicht tun wird. Außerdem, oh mein Gott, wie abstoßend, und ich würde diesen Kerl von Surrogat-Partner noch nicht einmal kennen, wer immer das auch wäre. Also, wie könnte ich ihm genug vertrauen, um mich von ihm anfassen zu lassen? Das heißt: Nie im Leben werde ich das können. Dann sagte die Sexualtherapeutin, ich müsste einen Mann finden, dem ich wirklich vertraue, wenn ich jemals über all das hinwegkommen will, jemanden, der mich dabei unterstützen kann, und ihn um Hilfe bitten. Das tue ich also. Ich bitte – dich.“

Erics Schweigen wurde durch die Leere des Restaurants um uns herum noch verstärkt.

Ich wollte gehen. Ich wollte aufstehen, das Restaurant verlassen, ein Taxi nehmen und geradewegs zum Flughafen zurückkehren. So tun, als hätte ich das alles nicht gemacht. Ich hätte nicht kommen dürfen. Ich hätte allein zu Hause bleiben und mein Leben so weiterführen sollen wie in den letzten sieben Jahren. Ich mochte sechsundzwanzig sein und erbärmlich und einsam, doch wenigstens war ich in Sicherheit.

Tränen brannten in meinen Augen, als ich endlich wagte, ihn anzublicken. Ich hatte denselben Ausdruck auf seinem Gesicht Dutzende Male im Fernsehen gesehen, normalerweise, bevor er jemanden fertigmachte, der einen unfairen Schlag gegen einen seiner Mannschaftskameraden ausgeführt hatte. Ärger und grünes Feuer loderten in seinem durchdringenden Blick. Aber mich hatte er noch nie auf diese Weise angeschaut.

Mir war kotzübel.

„Du denkst“, er sprach so leise, dass ich ihn kaum hören konnte, seine Worte waren knapp und eisig, „ich würde einen Quacksalber von Therapeuten dafür bezahlen, dass er dich vögelt? Verdammt, Dana, du bist so was wie meine kleine Schwester –“

„Nein! Ich ...“ Wieder mal hatte ich alles verbockt, so wie immer. Ich schaute erneut auf meine Hände und bemerkte, dass mein Zeigefinger blutete, wo ich zu viel vom Nagel abgeknibbelt hatte. Ich ging methodisch vor, entrollte meine Serviette, tauchte eine Ecke in mein Wasserglas und wand sie dann um meinen Finger. Die Zeit, die ich dafür brauchte, nutzte ich, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich möchte nicht, dass du für irgendwas bezahlst, und ich will keinesfalls zu einem Surrogat-Partner gehen und mich von einem Mann, den ich gar nicht kenne, anfassen lassen und … so was. Was ich mir dagegen wünsche, ist, dass ich eines Tages eine Beziehung haben und es zulassen kann, dass mich ein Mann berührt, ohne eine von diesen verdammten Panikattacken zu bekommen. Und deshalb ...“

Ich musste all meine Kraft zusammennehmen, um nicht auf der Stelle, ohne zurückzublicken, aus dem Restaurant zu rennen. Ich tat es nur deshalb nicht, weil ich wusste, er konnte mich einholen – er war größer, schneller und stärker als ich, war es immer gewesen – und er würde mich dazu bringen, ihm alles zu sagen.

„Ich möchte, dass du mein Surrogat-Partner wirst.“

 

ERIC

 

Danas Worte hatten mir die Sprache verschlagen.

Ich konnte mich an keinen Zeitpunkt in meinen neunundzwanzig Jahren erinnern, wann mir so etwas passiert war.

Normalerweise rede ich nicht sonderlich viel, sondern neige eher dazu, im Umkleideraum mit gutem Beispiel voranzugehen. Ich mache alles, wie es getan werden sollte, und vertraue darauf, dass die Jüngeren sich das von mir abschauen. Aber ich habe mich nie gescheut, meine Meinung zu äußern, wenn die Situation es verlangte.

Nun, das war jetzt ganz sicher der Fall, doch mir fiel kein einziges Wort ein, das ich hätte sagen können. Nichts.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf, holte mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche, zog einen Fünfziger raus – den kleinsten Schein, den ich hatte – und klatschte ihn auf den Tisch.

Danas Kopf schnellte bei dem Geräusch hoch. Ihre Augen waren riesig – groß und braun und so verdammt verletzlich. Ich hasste es, sie so zu sehen, und ich hatte genau diesen Blick viel zu oft für viel zu lange mitbekommen. Ich hegte keinen Zweifel, dass sie Hilfe brauchte, aber ich wusste, dass ich nicht derjenige sein konnte, der ihr half.

Nicht so.

Ich legte meine Serviette auf den Tisch und schob meinen Stuhl zurück.

„Gehen wir schon?“

„Wir reden nicht hier darüber. Nicht in der Öffentlichkeit.“ Ich trat hinter ihren Stuhl und zog ihn zurück, damit sie aufstehen konnte. Ich hielt ihren Mantel, sodass sie mit den Armen hineinschlüpfen konnte. Meine Finger streiften aus Versehen ihr Schlüsselbein, als ich den Mantel losließ. Sie zuckte zusammen, bemühte sich aber, dies zu verbergen und so zu tun, als ginge es ihr gut.

Es ging ihr aber nicht gut.

Dana Campbell war es nicht mehr gut gegangen, nicht für eine einzige Minute, seit das Eishockeyteam der Frauen des Boston College in ihrem ersten Semester gegen die University of Connecticut gespielt hatte. Nach dem Spiel hatten ein paar bescheuerte UConn Fans, in Ermangelung einer besseren Bezeichnung, es lustig gefunden, sie als Gruppe zu vergewaltigen; einfach nur, weil sie besser Hockey spielte als alle Mädchen des Teams aus Connecticut.

Übrigens war sie wahrscheinlich auch besser als einige der Männer. Das mochte bei dem, was sie taten, eine zusätzliche Rolle gespielt haben. Wer konnte es wissen? Was legt diesen Schalter um, sodass man es auf einmal in Ordnung findet, so etwas zu tun und jemanden, den man nicht einmal kennt, so zu verletzen und vollends zu brechen? Ich hoffte, das würde ich nie herausfinden.

Es war tatsächlich so, dass sie eine verdammt gute Hockeyspielerin war. Sie hatte in dem Match einen Hattrick erzielt und außerdem noch ein Zuspiel gemacht, das zu einem weiteren Tor führte. Und das war noch nicht einmal ihr bestes Spiel in der Saison gewesen. Es war kein Wunder, dass man sie eingeladen hatte, für das US-amerikanische Olympiateam der Frauen zu spielen. Wenn es eine professionelle Frauen-Hockey-Liga gäbe, wäre sie ganz sicher dafür ausgewählt worden. Sie war einfach so gut.

Bis zu dieser Nacht. Alles änderte sich nach dieser Nacht.

Die hatten ihren Körper verletzt, was schlimm genug war, aber sie hatten ebenfalls ihre Seele zerstört. Sie war mit ihren Gedanken nicht mehr beim Spiel – alles, was sie noch wahrnahm, war das Pfeifkonzert, das von den Rängen auf die Eisfläche herunterschallte. Sie konnte sich auch nicht mehr in ihren Kursen konzentrieren – ihre ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, wie weit von ihr entfernt sich jeder Mann im Raum befand und wie nah sie dem Ausgang war.

Soupy und ich beendeten gerade unser Abschlussjahr in Yale, als es passierte – wir waren nicht bei ihr. Wir konnten sie nicht beschützen. Als sie ihr College auswählte, versuchten wir, sie dazu zu bewegen, nach Yale zu kommen. Dort hätten wir zumindest das eine Jahr, bevor wir unsere Profi-Karriere begannen, auf sie aufpassen können. Aber sie wollte für Coach Bassano spielen. Also unterstützten wir sie natürlich in ihrer Entscheidung. Coach Bassano war die beste Trainerin im Frauen-Hockey. Wir hätten uns nie vorstellen können, dass Dana so etwas zustoßen könnte.

Aber so kam es.

Die drei Männer, die sie missbraucht hatten, wurden der Universität verwiesen und vor Gericht gestellt. Jeder von ihnen verbrachte ein Jahr im Bundesgefängnis, bevor sie alle wieder freigelassen wurden.

Ein Jahr. Wo blieb da die Gerechtigkeit?

Dana saß ihre Strafe immer noch ab und sie hatte nichts Falsches getan.

Und nun wollte sie, dass ich ihr Surrogat-Partner wurde? Wie zur Hölle sollte das ihrer Meinung nach funktionieren? Wenn sie zusammenzuckte, weil meine Finger versehentlich ihr Schlüsselbein streiften, wie, glaubte sie, könnten wir dann tun, was auch immer sie sich von mir wünschte? Es war, als bäte sie mich, sie zu vergewaltigen, denn genau das wäre es für sie. Ich konnte – ich würde ihr das nicht antun. Verdammt, sie ertrug es noch nicht einmal, wenn Soupy und ihr Vater sie berührten, sie umarmten, all das, was Familien so machen. Sie war noch nicht bereit. Es konnte sein, dass sie nie bereit sein würde, und das machte mich ziemlich fertig.

Sie zog ihr blondes Haar aus dem Kragen ihres Mantels, ließ es über ihren Rücken fallen, wie es wollte, und nickte mir zu. Dabei waren ihre braunen Augen immer wachsam. Ich streifte meinen eigenen Mantel über, während wir zur Tür gingen, als die Kellnerin herübereilte, vor uns stehen blieb und uns den Weg versperrte. Danas Fluchtweg blockierte.

„Sie gehen schon?“ Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und sie hatte nicht aufgehört, Kaugummiblasen zu machen, seit wir hereingekommen waren. „Sie haben gar nichts bestellt.“

„Etwas kam dazwischen. Ich habe Ihnen trotzdem ein Trinkgeld dagelassen.“

Ich versuchte, Dana an ihr vorbeizuschleusen, aber die Kellnerin bewegte sich ebenfalls, um uns den Weg zur Tür zu versperren.

„Sie sind Zee, richtig? Der Kapitän von Portland Storm? Bobby aus der Küche hat das gesagt.“

Ich hatte Dana hierhergebracht, weil ich hoffte, nicht erkannt zu werden. Amani’s war zu dieser Tageszeit immer ruhig, es waren nicht allzu viele Menschen dort. In einer Stadt wie dieser war es schwierig, inkognito zu bleiben, wenn man ein professioneller Sportler war. Jeder wusste, wer man war, wusste, was man tat. Mir war es relativ egal. Ich hatte mich daran gewöhnt. Aber Dana musste mit diesem Teil meines Lebens nicht fertigwerden. Sie war wahrscheinlich nicht darauf vorbereitet. Soupy hatte mehr Zeit in der Minor League als in der NHL verbracht, sodass niemand ihn wirklich wahrnahm. Ihr Vater war vor Jahren in der NHL gewesen, aber nur die eingefleischtesten Eishockey-Fans erkannten ihn, außer er war bei irgendeinem Hockey-Event. Und zu Hause in Providence war ich für die meisten Menschen nur ein ganz normaler Typ. Lediglich die Leute aus der Hockey-Community kannten mich dort. Hier war es anders.

Ich schaute zu ihr hinüber und sie nickte mir leicht zu.

„Ja, das bin ich.“

„Könntest du etwas für meinen Sohn signieren? Er ist krank. Leukämie.“

Wenigstens war das alles, was die Kellnerin wollte. Ich nickte. „Ja, klar. Wo soll ich unterschreiben?“ Auch wenn ich Dana schnell irgendwo hinbringen wollte, wo wir uns in Ruhe über ihren absurden Vorschlag unterhalten konnten, konnte ich hier nicht einfach weggehen, ohne etwas für ein krankes Kind zu signieren. Ich angelte in meiner Manteltasche nach einem Filzstift. Schon vor Jahren hatte ich gelernt, dass man am besten immer einen zur Hand hatte, einfach für Momente wie diesen.

Sie trat hinter die Kasse und riss eine Portland Storm-Fahne von der Wand dahinter. Diese musste ein Jahrzehnt oder länger an demselben Fleck gehangen haben – das Logo war schon ausrangiert worden, bevor ich in die League kam, und die leere Stelle, die das Banner bedeckt hatte, war strahlend weiß im Unterschied zum Rest der schmuddeligen Wand.

Als sie mir die Fahne reichte, kritzelte ich schnell meinen Namen darauf und setzte meine Nummer – die Neun – in den unteren Bogen des Z. Ich gab sie ihr zurück. „Ich hoffe, Ihrem Sohn geht es bald besser.“

„Ja, danke, Zee.“ Sie eilte schon weg, um sie wohin auch immer zu bringen. Sie wies mit dem Kopf in die Richtung, wo Dana sich Zentimeter für Zentimeter der Tür näherte. „Ihre Freundin ist bereit, zu gehen.“

Dana zuckte bei Ihre Freundin zusammen. Sie kam noch nicht einmal damit klar, so bezeichnet zu werden. Ihr Plan klang immer verrückter. Nicht, dass ich ihr das ins Gesicht sagen würde. Ich glaubte nicht wirklich, dass sie verrückt war – nur ihr Plan. Aber sie würde es so verstehen, als dächte ich das von ihr. Ohne nachzudenken, legte ich meine Hand sanft auf ihre Schulter, um sie aus dem Restaurant zu führen. Sie verkrampfte sich sofort noch mehr als vorher, sodass ich meine Finger wegzog und ein Fluchen unterdrückte.

„Komm. Lass uns gehen.“

Wir standen kaum auf dem Bürgersteig in Richtung Parkhaus, als ich die Kellnerin lachend zurück in den Hauptspeiseraum kommen hörte.

„Dieser Trottel! Noch einer hat angebissen. Das stelle ich bei eBay ein.“

Ich hätte es wissen müssen. Sie hatte wegen ihres Kindes nicht allzu aufgewühlt gewirkt.

Ein Blick zu Dana war alles, was ich brauchte, um mich zu erinnern, wie aufgewühlt aussah.

Damit ich sie nicht wieder versehentlich berührte, steckte ich die Hände in meine Manteltaschen.

„Passiert das oft?“ Sie kreuzte die Arme vor ihrer Brust und schob ihre Hände zwischen Körper und Arme. „Dass Menschen dich anlügen, um etwas von dir zu bekommen?“

„Öfter, als mir lieb ist. Doch das gehört dazu. Die meisten Leute sind aber in Ordnung. Die meisten sind ehrlich.“ Das hatte ich immer geglaubt. Sicher, es gab Dreckskerle auf der Welt, wie die UConn-Studenten, die Dana missbraucht hatten. Aber es gab auch Menschen wie die Campbell-Familie, wie die Leute, mit denen ich meine ganze Karriere über gespielt hatte … Es gab mehr gute als schlechte.

Dana schien jedoch nur noch die schlechten zu sehen, selbst wenn sie von guten umgeben war. Es war, als hätte sie sich Scheuklappen aufgesetzt.

Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hätte. Meine Mutter hatte Panikattacken, wenn sie fliegen musste. Es war immer so gewesen und sie konnte es nicht kontrollieren. Dana hatte ebenfalls keinen Einfluss auf ihre Trigger. Niemand, der Panikattacken bekommt, hat das.

Sie musste nur lernen, damit zu leben. Meine Mutter lebte mit ihren Ängsten, indem sie mit dem Auto fuhr, anstatt zu fliegen. Dana lebte mit ihren, indem sie Männer mied.

Beides war nicht ideal. Aber manchmal muss man mit dem Blatt spielen, das einem ausgeteilt wurde.